Nicole Hollmann

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Monograph Nicole Hollmann »Out of Focus«    A sneak peek of the text:

The Old »New Soft Focus«  by Hubertus Gaßner

 

We know of Johann Wolfgang von Goethe that he refused to wear glasses in old age in order to be able to have more acuteness of vision. He was convinced that one would see too much detail with perfect eyesight and would lose one's view of the big picture.

 

The distraction caused by minor unimportant details would inhibit the ability of concentrating on the important. In his time Goethe did not stand alone with this opinion. But only a few decades after his death, the world marveled at the precision with which the new invention of photography could record even the smallest details with a before unknown sharpness of image and display it to its beholder.

 

Now people could calmly study photographs – even with a microscope – and discover minutiae which would have escaped their glance while on a stroll through the countryside or a bustling big city.

 

Yet another few decades later in 1903, the German philosopher and brilliant cultural critic Georg Simmel in his es- say »Die Großstädte und das Geistesleben« diagnosed the following within the metropolitan of his time: »The psychological foundation upon which the metropolitan individuality is erected is the intensification of emotional life due to the swift and continuous shift of external and internal stimuli.

 

Man is a creature whose existence is dependent on dfferences, i.e. his mind is stimulated by the difference between present impressions and those which have preceded. Lasting impressions, the slightness in their differences, the habituated regularity of their course, and contrasts between them consume, so to speak, less mental energy than the rapid telescoping of changing images, pronounced differences within what is grasped at a single glance, and the unexpectedness of violent stimuli.

 

To the extent that the metropolis creates these psychological conditions with every crossing of the street, with the tempo and multiplicity of economic, occupational and social life it creates in the sensory foundations of mental life, and in the degree of awareness necessitated by our organization as creatures dependent on differences, a deep contrast with the slower, more habitual, more smoothly owing rhythm of the sensory-mental phase of small town and rural existence.«

 

... [...]  ...

 

It seems to me that Nicole Hollmann’s big-city photographs above all assume a function of relieving our perception as well as our senses, and it isn’t a coincidence that they start off in the whirl of the metropolis New York.

 

Her soft-focused images of life in the streets of New York hurl themselves into the turmoil of passers-by, the traffic, and the lights of the big city. At the same time, the dissolving contours produce a kind of defusing of the eye-catching stimuli, creating a cloud-like atmosphere and a shimmering fusion of hard-edged shapes, a many-colored luminous mist, which generates a distance as well as an overview, thus relieving the beholder. The racing traffic and the chaos of the buzzing crowds begin to settle down; the hectic locomotion is changed into a rhythmic pulse, a vibrating radiant aether. Similar to a dream, everything  oats in a brightly shining lotion, in which the heterogeneous and the contrasting merge into one but are also lost in something impalpable.

 

We get to experience pictorialism raised to a higher power, which no longer seeks to escape big-city life to a more readily comprehensible and more easy-going provincial life, but which positions itself in the center of the storm.

 

Without a megalopolis and the impressions it obtrudes, Nicole Hollmann's »Out of Focus« photos may not have come into existence. They answer the question Ludwig Wittgenstein asked in his »Philosophical Investigations« in §71: »Isn't the out of focus picture often just what we need?«

Hubertus Gaßner

 

Art historian, curator, author and editor of publications on art.

 

1981-1991 assistant professor of art history at the Kunsthochschule Kassel. 1971-1981 active member of Neue Gesellschaft für Bildende Kunst, Berlin; organizer of numerous exhibitions. 1989-1992 acting manager of the documenta Archive in Kassel. 1993-2002 main curator at the Haus der Kunst in Munich. 2002-2005 managing curator at the Museum Folkwang. 2006 - 2016 Managing curator at the Hamburger Kunsthalle.

Deutsch

Monograph Nicole Hollmann »Out of Focus«    Eine kurze Vorschau:

Die alte »neue Unschärfe«  von Hubertus Gaßner

 

Wir wissen von Goethe, dass er im Alter sich weigerte, eine Brille zutragen, um schärfer sehen zu können. Bei zu großer Sehschärfe sähe man viel zu viele Einzelheiten, wodurch das große Ganze aus dem Blick gerate.

 

Die Ablenkung durch nebensächliche und unwichtige Details verhindere die Konzentration auf das Wesentliche. Mit dieser Meinung stand Goethe zu seiner Zeit nicht alleine. Doch nur wenige Jahrzehnte nach seinem Tod bewunderte man in der neu erfundenen Fotografie gerade ihre Möglichkeit, auch noch die kleinsten Details mit bisher unbekannter Bildschärfe aufzuzeichnen und für den Betrachter wiederzugeben. So konnte er beim ruhigen Studium der Fotografien – gerne auch mit dem Mikroskop – Einzelheiten entdecken, die seinem Blick beim Gang durch die Natur oder durch das Gewimmel der Großstadt stets entgangen waren.

 

Als wieder einige Jahrzehnte später der deutsche Philosoph und glänzende Kulturkritiker Georg Simmel 1903 seine Abhandlung »Die Großstädte und das Geistesleben« schrieb, diagnostizierte er beim Großstädter seiner Zeit eine »Steigerung des Nervenlebens, die aus dem raschen und ununterbrochenen Wechsel äußerer und innerer Eindrücke hervorgeht.

 

Der Mensch ist ein Unterschiedswesen, d.h. sein Bewusstsein wird durch den Unterschied des augenblicklichen Eindrucks gegen den vorhergehenden angeregt; beharrende Eindrücke, Geringfügigkeit ihrer Differenzen, gewohnte Regelmäßigkeit ihres Ablaufs und ihrer Gegensätze verbrauchen sozusagen weniger Bewusstsein, als die rasche Zusammendrängung wechselnder Bilder, der schroffe Abstand innerhalb dessen, was man mit einem Blick umfasst, die Unerwartetheit sich aufdrängender Impressionen.

 

Indem die Großstadt gerade diese psychologischen Bedingungen schafft – mit jedem Gang über die Straße, mit dem Tempo und den Mannigfaltigkeiten des wirtschaftlichen, beruflichen, gesellschaftlichen Lebens – stiftet sie schon in den sinnlichen Fundamenten des Seelenlebens [...] einen tiefen Gegensatz gegen die Kleinstadt und das Landleben, mit dem langsameren, gewohnteren, gleichmäßiger fließenden Rhythmus ihres sinnlich-geistigen Lebensbildes.

 

... [...]  ...

 

Welchen Platz nehmen die »Out of Focus«-Fotografien von Nicole Hollmann in dieser allgemein gewordenen Kultur der Unschärfe ein? Die ›neue Unschärfe‹ in der Fotografie und Malerei, von der Bernd Hüppauf spricht, hat mindestens fünf verschiedene Ursachen: Der sogenannte ›pictorial turn‹, der seit einigen Jahren zu einer kritischen Befragung und Untersuchung der Bilder, sowohl der individuellen als auch der massenmedialen, geführt hat, und zwar sowohl von Seiten der Bildwissenschaften als auch der Künstler; das durch die elektronische Bildbearbeitung erzeugte ›cross over‹ von Malerei und Fotografie in der Kunst der letzten Jahrzehnte, bei dem die Malerei fast immer auch fotografische Verfahren einsetzt und die Fotos mit Grafikprogrammen des Computers bearbeitet werden; die mit dem globalisierten Schwinden des Geschichtsbewusstseins gleichsam als Schwanengesang entstehende Erinnerungskultur, für deren Bildgedächtnis sich verschwommene Abbildungen besonders gut eignen; die omnipräsente Beschleunigung des Personen-, Waren- und Datenverkehrs, die sich in einem erneuten Interesse an Bewegungsunschärfe niederschlägt, sowie das verstärkte Bedürfnis der Zeitgenossen nach Entlastungsfunktionen für ihr überreiztes Nervenleben, wie es Georg Simmel bereits vor mehr als 100 Jahren diagnostiziert hat.

 

Mir scheint, dass die Großstadtfotografien von Nicole Hollmann vor allem diese Funktion der Entlastung unserer Wahrnehmung und Sinne übernehmen und nicht zufällig ihren Anfang im Strudel der Weltmetropole New York nehmen.

 

Ihre weichgezeichneten Ansichten des New Yorker Straßenlebens stürzen sich einerseits distanzlos ins Gewühl der

Passanten, Verkehrsströme und Großstadtlichter. Zugleich erzeugen das Verschwimmen der Konturen, die Entschärfung der ins Auge stechenden Reize in wolkige Atmosphäre sowie das schimmernde Schmelzen harter und kantiger Formen einen farbigen Nebel voll leuchtender Auren, der für den Betrachter sowohl Distanz als auch Überblick und damit Entlastung schafft. Der rasende Verkehr, das Chaos der geschäftigen Masse kommt zur Ruhe, die hektische Fortbewegung wird umgebildet in ein rhythmisches Pulsieren und Vibrieren des glänzenden Äthers.

 

Alles schwebt in einer leuchtend farbigen Lösung, gleich einem Traum, in dem sich Heterogenes und Gegensätzliches harmonisch zu einer Einheit verbindet, aber auch im Ungreifbaren verliert.

 

Wir erleben einen Picturialismus in potenzierter Form, der vor dem Großstadtleben nicht mehr in die überschaubaren und gemächlicheren Gebilde der Kleinstadt und des Landlebens ausweicht, sondern sich im Zentrum des Tornados positioniert.

 

Ohne Megalopolis und die sich hier aufdrängenden Impressionen wären diese unscharfen Aufnahmen von Nicole Hollmann kaum entstanden. Sie bestätigen die von Ludwig Wittgenstein in seinen »Philosophischen Untersuchungen« im §71 gestellte Frage: »Ist das unscharfe Bild nicht oft gerade das, was wir brauchen?«

Hubertus Gaßner

 

Kunsthistoriker und Kurator sowie Autor und Herausgeber kunstwissenschaftlicher Publikationen.

 

1981-1991 war er Assistenzprofessor für Kunstgeschichte an der Kunsthochschule Kassel. 1971-1981 war er aktives Mitglied in der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK), Berlin; Organisation zahlreicher Ausstellungen.1989-1992 leitete er das documenta Archiv in Kassel.1993-2002 war Hubertus Gaßner Hauptkurator im Haus der Kunst in München, 2002-2005 Direktor des Museum Folkwang in Essen. 2006 - 2016 Direktor der Hamburger Kunsthalle.

Based in Hamburg / Germany.

 

© 2017 Nicole Hollmann  /  updated: 2017-11-20   Imprint