Nicole Hollmann

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Monograph Nicole Hollmann »Out of Focus«    A sneak peek of the text:

The Skin of Photography by Klaus Honnef

 

The initial spark did not come by accident. The fact that the first works of the »Out of Focus« picture cycle have New York as their motif carries something rather symptomatic. Photographer Nicole Hollmann had not visited the great city on the east coast for some time.

 

The city and what it meant to visitors from all over the world was changed in a great many ways on September 11 when the twin towers fell to dust and ashes and thousands perished. When Nicole Hollmann returned to New York for some weeks she was once again overwhelmed by the city's pulsating energy, vitality, and – to quote Irving Penn – »electrifying atmosphere«.

 

But when she tried to record her impression photographically she suddenly found herself confronted with an unexpected problem. » I was looking to capture my impressions through my medium, photography, in a way that would go far beyond mere visual fascination. I needed to find a way to show more than the superficially visible.«

 

Hollmann soon found that she saw things with different eyes and felt that what she meant to express would not be possible with conventional photography. The creative challenge was finding the adequate form in which she would be able to gather all her sensory and emotional stimulus. Those who will see her pictures in the future should experience a sensation similar to what she had experienced deep inside her, without the loss implicit in any transfer of information. She had to find a visual language that would make the beholder react like she did and see what Wittgenstein refers to as »the flaring of an aspect« to set off a change in the individual, as well as in our collective means of perception.

 

This implies the understanding that photographic pictures have their own laws and create their own reality rather than depict reality. Photography furthermore, is a transformer station, or to say it with the words of W.J.T. Mitchell, »Pictures aren’t merely passive beings. They change the way we think, see and dream.

 

... [...]  ...

 

Color is the motor and bearer of this transfer. The cutback of formal repertoire enables the colors to achieve independent effects. It isn’t by chance that red takes the leading role. The Chinese red of a marquee above the bright yellow of a New York cab (NYC 5 YCRS, see page 19) unfolds an incredibly physical vitality. Red is the gravitational pull and the center wherever it appears. Red, the color of blood, »matter par excellence«, embodies, according to the Renaissance theoretician and painter Lomazzo, the »origin of the mind and the acuity of the eye.«

 

So in the flesh tones – often mixed by painters from red and white – that which is alive is pulsating. Nicole Hollmann strives to leave an echo of longing on the skin (surface) of that which is photography, something which commercial photography neutralizes to boring surrogates by means of endless repetition.

Klaus Honnef

 

Art historian and curator; studied sociology and history in Cologne.

 

1965-1970 contributing editor and head of department at Aachener Nachrichten newspaper. 1970-1974 managing curator of Westfälischer Kunstverein in Münster. 1974-1999 managing curator of LVR-LandesMuseum in Bonn. 1970 curator of the exhibition »Umwelt-Akzente« in Monschau, the first outside art exhibition in the world. 1972 co-organizer of documenta 5 in Kassel and of documenta 6 in 1977. From 1980 to 2004 professor of theory of photography at Kunsthochschule Kassel. Since 2000 freelance curator, lecturer, art expert and author. Klaus Honnef is a Chevalier of the »Ordre des Arts et des Lettres« of France and was awarded the Kulturpreis der Deutschen Gesellschaft für Photographie in 2011.

Deutsch

Monograph Nicole Hollmann »Out of Focus«    Eine kurze Vorschau:

Die Haut der Fotografie von Klaus Honnef

 

Der zündende Funke entsprang nicht dem Zufall. Dass die ersten Bilder der Werkgruppe »Out of Focus« New York zum Motiv haben, trägt viel mehr symptomatische Züge. Nach längerer Zeit hatte die Fotografin Nicole Hollmann die Metropole an der amerikanischen Ostküste besucht.

 

Der 11. September 2001, als die Zwillingstürme des World Trade Center nach einem Terrorangriff in Schutt und graue Asche fielen und Tausende von Menschen mit sich rissen, 9/11, war ein Schnitt. In vielerlei Beziehung, wie für viele Besucher aus Europa, und aus den unterschiedlichsten Gründen. Zum ersten Mal war Nicole Hollmann wieder für mehrere Wochen hier. Neuerlich überwältigt von der Energie und Vitalität der pulsierenden City, von ihrer »elektrisierenden Atmosphäre« (Irving Penn).

 

Als sie ihre Eindrücke fotografisch festhalten wollte, sah sie sich, vielleicht ganz plötzlich, vor ein unerwartetes Problem gestellt. »Ich suchte nach einer Möglichkeit, meine Eindrücke, die weit über die rein visuelle Faszination hinausgingen, mit meinem Medium, der Fotografie, abzubilden. Es galt, einen Weg zu  finden, mehr zu zeigen als das vordergründig Sichtbare.« Was sie auf einmal – offensichtlich mit anderen Augen als zuvor – erblickte und empfand, ließ sich, so spürte sie bald, im Modus einer konventionellen fotografischen Darstellung nicht wiedergeben.

 

Die kreative Herausforderung bestand für sie darin, die überwältigende Fülle visueller und emotionaler Sinnesreize in eine adäquate Form zu fassen. Den künftigen Betrachtern ihrer Bilder sollte ein Wahrnehmungserlebnis, das sie nicht zuletzt tief in ihrem Körper erfuhr, ähnlich dicht und intensiv vergegenwärtigt werden; unbeschadet des Verlustes, den jede Vermittlung zwangsläufig bedeutet.

 

Sie musste eine Bildsprache  finden, die aufseiten der Betrachter eine vergleichbare Reaktion auslöst, jenes »Aufleuchten eines Aspekts« bewirkt, von dem Wittgenstein spricht, um eine Veränderung der individuellen wie kollektiven Wahrnehmungsgewohnheiten anzustoßen.

 

Dazu bedarf es der Einsicht, dass selbst fotografische Bilder eigenen Gesetzen gehorchen und eher Realität schaffen als Realität abbilden. Auch die Fotografie ist ein Umspannwerk. In den Worten von W. J. T. Mitchell: »Bilder sind nicht einfach passive Wesen. Sie verändern die Art, in der wir denken, sehen und träumen.

 

... [...]  ...

 

Der Motor und Träger dieses Transfers ist die Farbe. Die Reduzierung des formalen Repertoires befähigt die Farbe zur eigenständigen Wirkung. Nicht von ungefähr übernimmt das Rot die Vorreiterrolle. Bereits das kräftig leuchtende Rot eines Reklamebaldachin über dem grellen Gelb des Yellow Cab in New York (NYC 5 YCRS, siehe Seite 19) entfaltet eine ungeheuer physische Vitalität. Überall, wo das Rot auftaucht, ist es Anziehungspol und Ausstrahlungszentrum.

 

Das Rot ist die Farbe des Blutes, »der Materie par excellence«, und verkörpert nach dem Renaissance-Theoretiker und Maler Lomazzo den »Ursprung des ›Geistes‹ und die ›Schärfe‹ im Blick«.

 

Im Inkarnat der Malerei pulsiert denn auch das Lebendige. Nicole Hollmann ist bestrebt, auf der Haut (Oberfläche) des Fotografischen ein Echo jenes Begehrens zu bewahren, das die Kommerzfotografie in unaufhörlicher Wiederholung mit faden Surrogaten neutralisiert.

Klaus Honnef

 

Kunstkritiker und Kurator. Studierte Soziologie und Geschichte in Köln.

 

1965-1970 Redakteur und Ressortchef bei den Aachener Nachrichten, 1970-1974 Direktor des Westfälischen Kunstvereins, Münster, und 1974-1999 Ausstellungsdirektor des »LVR-LandesMuseums Bonn«. 1970 war Klaus Honnef Kurator von »Umwelt-Akzente« in Monschau, der ersten Außenkunst-Ausstellung der Welt. 1972 war er Mitorganisator der documenta 5 in Kassel ebenso wie 1977 bei der documenta 6. 1980- 2004 lehrte Klaus Honnef als Professor für Theorie der Fotografie an der Kunsthochschule Kassel. Seit 2000 freier Kurator, Lehrbeauftragter, Kunstberater und Autor. Klaus Honnef ist Träger des »Chevalier de l'ordre des arts et des lettre« der französischen Republik und Träger des Kulturpreises der Deutschen Gesellschaft für Photographie 2011.

Based in Hamburg / Germany.

 

© 2017 Nicole Hollmann  /  updated: 2017-11-20   Imprint