Über das Verschwinden von Bildern und ihre Wiederkehr in der Unschärfe
von Bernd Hüppauf
Anlässlich der Veröffentlichung von Nicole Hollmanns Monografie Out of Focus reflektiert Bernd Hüppauf über Wahrnehmung, Erinnerung und die Rolle der Unschärfe in ihrem fotografischen Werk.
Stadtfotografie hat der Stadt eine Gestalt gegeben
Die meisten Fotos von Nicole Hollmann, gehören in die Gattung Stadtfotografie und sind in New York entstanden. Die Verbindung von Fotografie und Stadt war seit den Anfängen der Fotografie eng, und das Verhältnis war wechselseitig. Die frühe Fotografie entwickelte eine Liebesbeziehung zur Stadt, und die Stadt gab sich der Fotografie willig hin, ließ sich enthüllen und verklären. Die Fotografie zeigte sich erkenntlich. Sie gab der Stadt eine empfindsame Gestalt, gab ihr Konturen und sorgte für ihre Präsenz im kollektiven Bildgedächtnis.
Auch New York kennen wir aus Fotos der empfindenden Kamera. Riis‘ „How the Other Half Lives“ ist ein schnell berühmt gewordenes Beispiel für diese Stadtfotografie, zu der auf andere Weise der Pictorialismus von Alfred Steglitz und Fotografen wie Alvin Langdon Coburn, Gertrude Käsebier und Karl Struss beitrugen. Nach der Erfindung des Halbtondrucks entstand der Fotojournalismus, dessen Fotos ein empathisches Bild der Stadt zeichnete.
Die Präsenz in einem globalen Bildgedächtnis durch Fotografie gilt für New York wie für wenige andere Städte. Diese Bilder dokumentieren und konstruieren zugleich und zeigen über das sichtbare hinaus ein wahres Bild der Stadt. Wir sind mit ihr vertraut, auch ohne je in der Stadt gewesen zu sein. Wer zum ersten Mal hinreist, erkennt wieder und findet bestätigt, was sein Bildgedächtnis gespeichert hat, ohne zuvor gesehen zu haben.
In diese lange Reihe der empathischen New York-Fotografie reihen sich die Bilder von Nicole Hollmann ein, und sie tanzen zugleich aus der Reihe. Sie sind anders, denn sie verkehren das Verhältnis von bekannt und unvertraut. Sie stellen emotionale Beteiligung her, aber Unschärfe sorgt für Entstellung und untergräbt die vertrauten Bilder. Den New York-Reisenden überkommen Ahnungen, aber er erkennt die Stadt nicht wieder. Die Stadt verschwindet in Unschärfe auf der Grenze zum gegenstandslosen Bild.
Unscharfe Bilder sind eine Aufforderung an den Betrachter, seine erlernten Gewohnheiten zu verlernen. Sie helfen dem Gedächtnis nicht, eindeutige Bilder zu erinnern, sondern fordern auf, Neues zu lernen. Auf Fragen, die an der Oberfläche des Bildes liegen, muss sich der Betrachter einlassen und darf nicht dem Drang nachgeben, nach dem Bekannten zu streben, hinter der Unschärfe nach dem verborgenen oder verdorbenen Bild zu suchen, das er liebt und wiedererkennen will.
Stadt und Moderne
Die frühe spontane Liebesbeziehung zwischen Stadt und Fotografie wandelte sich im 20. Jahrhundert zu einer Vernunftehe. Die Fotografie, das Ur-Medium der Moderne, beteiligte sich an der Produktion der Stadt als dem Ort der Moderne. Sie arbeitete an der Stadt und schuf das Bild, das sie dann bewundernd reproduzieren konnte. Die neuen Medien entwarfen die Stadt als Repräsentation der Moderne im umfassenden Sinn.
Die Theorien der Fotografie lassen keinen Zweifel: die Stadt war nun der Ort der kalten Moderne, und das Medium der Moderne war die Fotografie. Benjamins kanonisch gewordener Kunstwerkaufsatz stellte, in Anlehnung an Béla Balázs, Brecht und Eisenstein, die zentralen Momente der Fotografie als Medium der Moderne zusammen. Seine Repräsentationstheorie betont die kognitiven Leistungen der Bilder in Fotografie und Film.
Fotografie führte das Moderne der Stadt in und hinter den Fassaden vor. Fritz Langs Metropolis gab dieser Kombination aus Fotografie und Konstruktion den Namen. Experimentelle wie realistische Fotografen leisteten nicht nur in Deutschland und der Sowjetunion, sondern auch in Amerika Beiträge zu dieser Visualisierung.
Das zentrale Moment der neuen Gesellschaft und ihrer urbanen Bildkultur bildete die Zeit. Fotografie und die praktische wie theoretische Arbeit am fotografischen Bild waren in die Zeit verwoben, die mit der Rationalisierung entstand. Der Blick, die Techniken der Fotografie und die Bilder selbst wurden in den Prozess der Rationalisierung, der in der Urbanisierung zur Lebenspraxis der Moderne wurde und das neue Tempo forderte, einbezogen.
Georg Simmels, Siegfried Kracauers, Walter Benjamins Theorien über die Stadt stellten den Zusammenhang von Zeit - Tempo, Beschleunigung des Lebens, Plötzlichkeit – mit der modernen Großstadt heraus. In Fotografie und Film entdeckte Benjamin die Medien der Geschwindigkeit und Tempobeschleunigung, der Zerstreuung und anästhetisierten Montage und Konstruktion.
Das Auge war das bedeutendste Sinnesorgan für diesen Umbau des Menschen und seiner Umwelt, und der Fotoapparat wurde zu seinem Agenten. Die Bruchteile von Sekunden, die ein Schnappschuss benötigt, wurden zur Zeiteinheit der visuellen Wahrnehmung, nicht nur im deskriptiven, sondern auch in einem präskriptiven Sinn: die Präzision des Sekundenbruchteils wurde zum Ideal.
Das Auge, schrieb Ernst Jünger in einer Reflexion über Wahrnehmung in der Epoche nach dem Ersten Weltkrieg werde zum fotografischen Objektiv.
Auflösung der Repräsentation in der Unschärfe
Im Lauf des Jahrhunderts gerieten das gigantische Projekt und mit ihm das Bild der Wirklichkeit, die Idee der Dokumentation und die Stadt in eine Krise. Die Beschleunigung und die Gigantomanie der Epoche erreichten ihre Grenzen. Steigerung war kaum noch möglich, ohne die Gefahr, das System als Ganzes zu sprengen.
Gegen das hoch Effiziente der Informationsverarbeitungssysteme sowie gegen die abstrakten und unverständlichen Techniken der Produktion entsteht in der Gegenwart eine neue Einstellung zur Wirklichkeit. Unschärfe ist ihr Symptom.
Sie rehabilitiert das Obskure und Undurchsichtige und ist ein Mittel, eine sinnlich wahrgenommene Welt zurückzugewinnen, die materielosen Abstraktionen der Technowelt in Lebenswelt zu übersetzen und das Somatische wieder zu empfinden, so dass die Wirklichkeit erneut aufgenommen, inkorporiert werden kann. Sie versucht, was Gottfried Benn im Gedicht Ikarus ersehnte:
„enthirne doch… mein Auge.“
In der Verbindung von Rationalisierung und Bild, Beschleunigung und Repräsentation wirkte nicht nur der Triumph der Moderne, sondern ebenso ein Verlust, der sich an der Fremdheit von Stadt und ihren Bildern zeigt. Das Stadtbild der neuen Unschärfe unterscheidet sich von dem durch Film und Fotografie produzierten Stadtbild der Rationalisierung und Beschleunigung, indem es sich den Vagheiten des Gedächtnisses anpasst.
Diese Unschärfe verlangsamt den Blick und trifft damit ins Zentrum von Stadt und Fotografie. Sie sucht nicht länger nach der Essenz der modernen Stadt, will nicht mehr zeigen, was es ist, das die Stadt zur modernen Stadt macht und entkoppelt sich vom Prozess der Rationalisierung.
Sie zeigt die Welt an der Grenze des Verschwindens, wenn sie sich in diffuse, obskure Andeutungen zu entziehen droht, eine Gefährdung, die sie mit dem Gedächtnisinhalt teilt.
Unschärfe setzt bei der Geschwindigkeit der Fotografie an und lehrt ein neues Sehen. Sie nimmt die Beschleunigung der gesellschaftlichen Prozesse nicht als unausweichlich gegeben hin, sondern setzt den Idealen von Tempo, Exaktheit und Beherrschbarkeit eine visuelle Skepsis entgegen.
Unschärfe ist retardierend. Sie zögert Entscheidungen hinaus und erhält ein Schweben im Blick. Sie lässt sich als die ins Optische übersetzte Skepsis verstehen, die in Nebel auflöst und der Beherrschung entzieht, was eindeutig zu sein schien und keine Phantasieleistung erforderte.
Das unscharfe Bild ist dem Tagtraum verwandt, und diese Nähe bezeichnet den Unterschied zum fotografischen und filmischen Bild, das Benjamin und die Theoretiker von Fotografie und Film der zwanziger Jahre analysierten.
Anders als das Programm des Neuen Sehens arbeitet die neue Unschärfe nicht mit visuellem Schock oder mit offener ästhetischer Provokation. Sie vermeidet den dramatischen Effekt und setzt ein eher sanftes Mittel ein.
Sie erlöst den Blick vom Imperativ des Kognitiven, des wissenschaftlich eindeutigen Bilds, löst die Konturen auf und führt vom Auge fort, gibt den anderen Sinnen den verlorenen Raum zurück, lädt ein zum hören und fühlen und fordert die Imagination, so dass der Betrachter die auseinandergerissenen Bilder isolierter Perspektiven wie durch den Nebel eines Tagtraums wieder zusammenfügen kann.
Die Fragmentierung durch die kurzen Momente der Aufnahme und das verbindungslose Nebeneinander der Fotos wird im Schwindel des verschwimmenden Blicks auf unscharfe Bilder zurückgenommen. Der Blick auf unscharfe Bilder führt von Zerstreuung fort, denn sie fordern eine andere Einstellung, regen die Kontemplation an und lösen Empathie aus.
Die Langsamkeit des unscharfen Bildes ist nicht zu verwechseln mit einer Flucht vor der Geschwindigkeit, folgt keinem anti-modernen Programm. Sie entspricht nicht einer Haltung der Verweigerung, sondern zieht die Konsequenz aus dem gescheiterten Versuch der rationalen Repräsentation von Wirklichkeit mit dem Ziel, ihr Tempo ins Bild zu übersetzen und letztlich in eine Revolution zu führen.
Unschärfe schafft nicht einen Schleier, hinter dem der Weg zurück in die Vergangenheit eines langsamen Lebens angetreten werden könnte, sondern sie ist ein Bildmodus, der einen Beitrag zur Befreiung aus dem Terror der Zeit und Identität liefert. Unschärfe ermöglicht, diesem Terror und dem Fetischismus der Rationalisierung und Finalisierung zu entkommen, die langsame Zeit des Ahnens und Vermutens zu erfahren und einen ins Fließen gebrachten und von ökonomisch-politischer Besetzung freien Raum zu entdecken.
In dem Maß, wie Stadtfotografie der Stadt die Gestalt der Moderne gab, ist die Fotografie der Unschärfe damit befasst, diese Gestalt aufzulösen.
An dieser Auflösung beteiligen sich Nicole Hollmanns unscharfe Bilder. Das New York ihrer Fotos zeigt ein unvertrautes Stadtbild, weder das der modernistischen Geschwindigkeit noch das der kapitalismuskritischen Analyse. Sie weisen den Weg in ein erneuertes Verhältnis zu dem vom Absterben bedrohten Bild, indem sie das einfache Wiedererkennen verweigern, aber nicht in die Abstraktion führen, sondern die Wirklichkeit an das eigene Erleben, an das Wandelbare von Gedächtnis und das Unfeste Imagination übergeben.
Diese Stadt ist mit der Subjektivität des Betrachters durchsetzt und setzt sich aus einer Mischung aus Vertrautem und Erträumtem, Realem und Potenzialem zusammen. Der Betrachter muss dem Blick das Ziel nehmen, sich verwirren lassen und das Auge neu justieren, um der Unschärfe gerecht zu werden, in ihr Unbekanntes zu entdecken und von der Unschärfe zu profitieren.
Vor und mit diesen Bildern kann man sich die Zeit vertreiben.
Das Schweifen der Phantasie durch den Form- und Farbnebel braucht und bindet mehr Zeit als die Konzentration aufs scharfe Bild. In diesem Luxus der Vergeudung kann ein Ich sich wieder finden und zu sich kommen, ohne sich dem Zwang der Effizienz und des Identischen unterwerfen zu müssen.
Fanden Liebhaber und Flaneure des 19. Jahrhunderts keinen Platz und keine Zeit im effizient und rational organisierten Raum des modernistischen Stadtbilds, so öffnet die Unschärfe einen Raum für neue Formen des Flanierens und der Emotionalität.
Die viele Zeit, die uns moderne Techniken zu sparen ermöglichen, könnte kaum besser verlebt werden als vor unscharfen Bildern.
Bernd Hüppauf
Bernd Hüppauf (*1942) ist Kulturhistoriker und Literaturwissenschaftler. Er lehrte an Universitäten in Deutschland, Australien und den USA, darunter viele Jahre an der New York University. Seine Arbeiten beschäftigen sich mit Literatur, Kulturgeschichte, Bildtheorie und Fotografie. Seit seiner Emeritierung lebt er in Berlin.
________________________________________